Tibetische Medizin

Traditionelle Tibetische Medizin ist untrennbar mit der buddhistischen Philosophie verschmolzen. Sie ist ein hochdifferenziertes, ganzheitliches System, das auf tibetisch „Gzo-wa Rig-pa“: das Wissen vom Heilen genannt wird.

Geschichte

Vor mehr als 2500 Jahren entwickelte sich die Tibetische Medizin aus dem Schamanismus und der Bön-Religion des frühen Tibet, ab dem 4. Jahrhundert v. u. Z. kamen Elemente aus anderen Kulturkreisen hinzu und wurden weiterentwickelt: aus dem hinduistisch-buddhistischen Indien die Gesundheits- und Ernährungslehre Ayurveda („das Wissen vom Leben“), aus dem taoistisch-konfuzianistischen China die heute als Traditionelle Chinesische Medizin bekannte Lehre.

Auch die ägyptische, griechische und arabische Heilkunde beeinflußten die Medizin Tibets, die im 8. Jahrhundert n.Chr. ihre einzigartige und bis heute gültige Form erreichte.

Einführung

Die Tibetische Medizin sieht in den drei sogenannten Geistesgiften – Begierde, Haß und Unwissenheit – die Wurzel allen Leidens. Im Organismus beeinflußt Begierde den Wind (Lung), Haß die Galle (Tripa) und Unwissenheit den Schleim (Bekan). Sind diese drei Elemente durch falsche Lebensführung und/oder äußere Einflüsse im Ungleichgewicht, entstehen Krankheiten. Im Heilungsprozess verordnet der Arzt „Medizin“ (d.h. Einhaltung harmonischer Lebensregeln, Ernährung, Arznei etc.), Mantras und Meditationen.

Je schwerer die Krankheit ist, desto wichtiger ist der spirituelle Teil der Behandlung.

Diagnostik besteht in der Tibetischen Medizin in ausführlicher Befragung des Patienten (über Lebensumstände, Gewohnheiten, Träume etc.), körperlicher Untersuchung, gründlicher Untersuchung des Urins auf Farbe, Geruch und Konsistenz, und insbesondere der Pulsdiagnose, die sehr viel differenzierter als die in der chinesischen und indischen Medizin ist.

Das Ungleichgewicht der drei Temperamente (Wind, Galle, Schleim) wird in allen Details bestimmt und durch die Behandlung ausgeglichen. Therapiert wird über Regeln zur Lebensführung, Ernährung, Arznei, Massage, Moxibustion und Akupunktur, Brennstab und Aderlaß. Zu jeder Sitzung wird der Medizinbuddha „Bhaisajya-guru“ visualisiert. Die Besonderheit der Medikamente liegt in der Kombination spezieller Rezepturen und spiritueller Praktiken während der gesamten Herstellung durch die Ärzte.

Ihre Wirksamkeit – besonders bei chronischen und schweren Erkrankungen – hat ihnen im Westen den Ruf von „Wunderpillen“ eingebracht.

Grundlagen

Fünf Elemente

Tibetische Medizin - Die fünf Elemente

Die Tibetische Heilkunst betrachtet den Menschen ganzheitlich, d.h. als körperliches, fühlendes, denkendes und spirituelles Wesen. Nach tibetischer Auffassung sind, ähnlich der chinesischen Philosophie, die „Elemente“ Grundbausteine allen Lebens. Jedes der fünf Elemente ( Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum ) hat positive, negative, innere und äußere Aspekte, wobei der äußere Aspekt das Materielle und der innere das Geistige und das Dynamische betrifft:

  • Erde ist Entstehung und Form;
  • Wasser bringt Zusammenhalt und Vermehrung;
  • Feuer bewirkt Reifung und Vollendung;
  • Luft ist Bewegung, Verteilung der Energien und schließlich ermöglicht die Ausdehnung in den
  • Raum das Wirken der anderen Elemente.

Werden und Wachsen, Sein und Gesundheit basieren auf dem harmonischen Gleichgewicht dieser Qualitäten.

Drei Prinzipien
Im Menschen treten die fünf Elente in drei Prinzipien in Erscheinung: Lung, Tripa und Bekan. Dabei entspricht Lung (Wind) der Luft und dem Raum, Tripa (Galle) dem Feuer und dem Raum und Bekan (Schleim) der Erde, dem Wasser und dem Raum. In Analogie können die drei Prinzipien zu den „doshas“ (Regelkreisen) des Ayurveda, der griechischen Säftelehre und auch der westlichen Medizin gesehen werden:

Tibetische Medizin Ayurveda Griechische Säftelehre Westliche Medizin
Lung Vata Blut Metabolismus
Tripa Pitta Galle Katabolismus
Bekan Kapha Schleim Anabolismus

Drei Fehler und acht Krankheitsauslöser
Die Tibetische Medizin unterscheidet als pathogentische Faktoren drei Kategorien schädlicher Geisteshaltungen und acht Krankheitsauslöser. Schädliche Haltungen als Ursachen von Leiden und Krankheiten sind:

  1. Anhaften und Begierde, die das Lung stören (z.B. Herz- und Kreislauferkrankungen)
  2. Aggression und Haß, die das Tripa stören (z.B. Leber- und Gallenerkrankungen)
  3. Unwissenheit und Illusion, die das Bekan stören (z.B. Atemwegs- und Stoffwechselerkrankungen)

Faktoren, die zur Manifestation von Leiden und Krankheiten führen sind:

  1. unangemessenes Denken
  2. unangemessene Ernährung
  3. unangemessenes Verhalten
  4. Alter und Konstitution
  5. ungünstiges Klima
  6. ungünstige kosmische Einflüsse
  7. ungünstiges Karma
  8. Dämonen

Heilung kann nach tibetisch-buddhistischer Auffassung nur durch den „Dharma“ (die Lehren des Buddha), die Anerkennung der „Vier edlen Wahrheiten“ und das Beschreiten des „Achtfachen Pfads“ des rechten Lebens erreicht werden, dem auch die Tibetische Medizin entspringt.

Diagnostik
Die Tibetische Diagnostik benötigt keine technischen Hilfsmittel, umsomehr aber eine geschulte und genaue Wahrnehmungsfähigkeit und sehr viel Erfahrung des Behandlers. Am Anfang steht die ausführliche Befragung des Patienten (über Lebensumstände, Gewohnheiten, Träume etc.), und die allgemeine körperliche Untersuchung.

Dann folgt die gründliche Untersuchung des Urins auf Farbe, Geruch und Konsistenz, und als wichtigstes Diagnostikum die Pulsdiagnose, die differenzierter als die in der Chinesischen Medizin ist.

Therapie
Die Tibetische Medizin unterscheidet acht Gruppen von Behandlungsweisen, die gemeinsame Anwendung finden:

  1. Buddhistisches Leben
  2. Rechtes Verhalten (Denken, Fühlen, Handeln; Atem und Bewegung)
  3. Rechte Ernährung (Maßhalten; sechs Geschmacksrichtungen und acht Potenzen)
  4. Pflanzliche Heilmittel (Heilkräuter und Medikamente; z.B. Juwelenpillen)
  5. Massagen und Wasseranwendungen (z.B. Energiepunkt-Massage, Kräutereinreibungen)
  6. „Kleine Chirurgie“ (Moxibustion und Akupunktur, Aderlaß und Schröpfen)
  7. Meditation
  8. Spirituelle Therapie (Gebete, Mantras, Rituale)

Ausbildung zum Tibetischen Arzt
Das langjährige Studium der Tibetischen Medizin folgt strengen Regeln. Alle Medizintexte werden auswendig gelernt und das Verständnis des Lernenden durch philosophische und medizinische Diskurse geschult und geprüft.

Wichtigster Bestandteil der Grundausbildung sind die vier medizinischen Tantras:

  1. Das Wurzel Tantra
    Grundlagen der Kranheitslehre, Lehre der drei Prinzipien
  2. Das erklärende Tantra
    Symptome und Ursachen von Krankheiten im Detail,
    Embryologie, Anatomie, Physiologie, Zeichen des nahenden Todes,
    Traumdeutung, Magie, Lehre der sieben Konstitutionstypen
  3. Das Tantra der fünften Essenz
    Behandlung sämtlicher Krankheiten und Beschwerden der einzelnen Lebensphasen sowie Vergiftungen und Verletzungen, Lehre der Beziehung zwischen Buddhismus und Heilkunst
  4. Das nachfolgende Tantra
    Vertiefende Erläuterungen zu Puls- und Urindiagnose, Herstellung von Arzneimitteln, Methoden des Aderlasses, der Moxibustion und Akupunktur sowie einfache chirurgische Techniken, teilweise kodierte Geheimlehren, die nicht an Laien weitergegeben dürfen.

Tibetische Astrologie, Sammeln und Aufbereiten von Heilpflanzen gehören ebenfalls zur Basisausbildung. Im weiteren Studienverlauf wird dann einige Jahre unter Anleitung erfahrener Ärzte gearbeitet, bis eigene Patienten betreut werden dürfen.

Die weltweit einzige Universität für Tibetische Medizin ist das vom Dalai Lama gegründete Tibetan Medical and Astrological Institute in Dharamsala, Indien. In Europa kann am Tara Rokpa College in Edinburgh ein Teil des Studiums absolviert werden.

Autorin: Sarah B. Schons
Quelle: http://www.akupunktur-aktuell.de

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