Patient ohne Verfügung

Das Buch „Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende“ von Matthias Thöns, der als niedergelassener Palliativarzt vielfältige Erfahrungen mit der Übertherapie am Lebensende gemacht hat, bricht ein lange gehegtes Schweigen unter Ärzten. Viele wissen es, keiner sagt es: Die Welt vieler Kliniken ist von Ertrag und Gewinn regiert. Da das Klinik-Abrechnungssystem im Besonderen auf schwere Diagnosen und ihnen folgende große Eingriffe fußt, sind hier Sterbenskranke besonders lukrativ.

Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag dagegen. Mit großer Detailkenntnis schreibt Thöns vom „Geschäft mit dem Lebensende“, das mit „Patient(en) ohne Verfügung“ in den deutschen Kliniken gemacht wird.

Im ersten Teil geht es um die häufigsten Fälle, wo Leiden sinnlos oder willensfern verlängert wird:

• Lungenversagen,
• Chemotherapie und Bestrahlung bei Endstadien von Krebs,
• Unnötige große Operationen,
• Wehrlos im Wachkoma,
• Dialyse bei Multimorbidität am Lebensende,
• Künstliche Ernährung.

Den Fallbeschreibungen folgen stets Angaben zur Problematik aus der Literatur.

In einem zweiten Teil geht es um Alternativen bei Schmerzen, beim Notarztdienst, und dem Rat zur frühzeitigen Palliativversorgung.
Gerade Krebspatienten haben grundsätzlich viele belastende Beschwerden, Ängste und Nöte, nicht erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien. So ist es seit Jahren unumstritten, dass sie möglichst bald eine Mitversorgung durch Palliativteams erhalten sollten. Hierzu gibt es amerikanische, wie auch europäische Grundsatzempfehlungen.

Frühzeitige Palliativversorgung – also die umfassende Leidenslinderung bereits bei Feststellung einer lebensbegrenzenden Erkrankung – hat viele Vorteile: Lebensqualität von Patient und Familie, Stimmung, Krankheitsverständnis, Vorsorge und sogar Überleben bessern sich.

Palliativversorgung führt zu einer geringeren Krankheitslast, weniger Chemotherapie in den letzten Lebensmonaten, zu selteneren Notarzteinsätzen und weniger und kürzeren Krankenhausaufenthalten. So wird mittlerweile seit Jahren empfohlen, Krebskranke frühzeitig in die Palliativversorgung einzubinden. Damit sinken nachweislich Kosten aber eben auch die Gewinne der Krebsmedizin.

So zeigt eine aktuelle Arbeit aus einer großen deutschen Universitätsklinik, dass von den in einem Jahr verstorbenen 532 Krebspatienten nur 10 (!) eine mehr als 20tägige Palliativversorgung erhalten haben. Es geht um den mündigen Patienten. Zu dieser Mündigkeit will das Buch ermutigen. Deshalb ist auch im Anhang eine Patientenverfügung abgedruckt, die auf den neuesten rechtlichen Stand ist.

Bereits im Vorwort wird einem klar, was nicht geht:
Der Oberarzt steht mit einem Assistenzarzt am Bett eines greisen Mannes. Seine Atmung rasselt, der Puls ist schwach, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Ganz offensichtlich liegt er im Sterben. Ohne den Sterbenden anzusprechen, wendet sich der Oberarzt an seinen Assistenten und sagt: „Hätten wir den doch gestern an die Beatmungsmaschine gehängt, wir hätten den Fall viel besser abrechnen können.“ Lachend verlassen sie das Krankenzimmer.

Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende

Patient ohne Verfügung: Das Geschäft mit dem Lebensende

Autor: Matthias Thöns
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Piper (1. September 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-492-05776-9
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