Bhashkar Perinchery – Der Sanfte Wegweiser aus Indien

Seit vielen Jahren begleitet Bhashkar das Rainbow Spirit Festival – ist er einer der spirituellen Lehrer – die ihr Wissen auf eine stille und unauffällige Art und Weise teilen. Zum 10-jährigen Jubiläum des Festivals bat Mariam ihn etwas über seine Person und seinen Werdegang zu erzählen.

Mit der Natur fließen

Ein Freund wollte, daß ich etwas über meine Person erzähle! Es gibt zwei Bereiche, die angesprochen werden können.
Einer davon ist wesentlich und von Bedeutung, aber nicht so unterhaltsam. Der andere ist ein Bereich, der von allgemeinem Interesse ist, aber auch eine Brücke zum tieferen Verständnis sein kann. Es ist gut, diese beiden Aspekte anzusprechen.
In Indien gibt es einen Spruch: „Frage niemals einen Mann Gottes, einen Mystiker, nach seiner Biographie.“ Biographien sind Teil unseres Versuchs, alles auf menschliche Art einzuordnen und festzulegen.

Das ist aber in Wirklichkeit kein richtiges Verstehen, sondern eher ein Versuch, das Unbekannte nach unseren gewohnten Mustern, unserer gewohnten Umgangsweise, irgendwie einzuordnen. Eigentlich verstößt es gegen den ursprünglichen Sinn, weil ein Mensch, der sich tiefer mit der Realität befaßt hat, einen daran erinnert, daß das Leben eine nichtdualistische Realität ist. Sicherlich spielt dabei die Dimension unserer sogenannten normalen Realität eine Rolle. Aber dennoch ist es wichtig, sich damit zu befassen, so daß man nicht im Glauben verfangen wird, daß durch die Vergangenheit von jemanden, immer seine Gegenwart definiert werden kann.

Es liegt in der menschlichen Natur, daß wir versuchen, alles in irgendwelche Kategorien einzuordnen, die in unserem Programm vorhanden sind. So können wir uns in dem Glauben wiegen zu verstehen.

Aber wenn man mit der wahren Realität in Berührung kommt, dann wird deutlich, daß diese Art von Verstehen kein richtiges Verstehen ist, sondern nur ein wenig für den alltäglichen Umgang nützlich ist. Es umfaßt nicht wirklich die gesamte Realität. Daran sollten sich alle, die sich mit dem inneren Bereich befassen und tiefer in sich selbst hineingehen wollen, erinnern.
Um es für das verstandesmäßige Begreifen faßbarer zu machen, möchte ich ein Beispiel aus der Computerwelt erwähnen. Ein kleiner Computer, der eine sehr begrenzte Kapazität hat, funktioniert mit seiner Software, Festplatte und Programmen. Je nach Inhalt kann man einiges auf bestimmte Art und Weise einordnen und bis zu einem gewissen Grad ist es praktisch und von Nutzen. Vergleicht man ihn jedoch mit einem Computer, der mit dem Internet verknüpft ist und Zugang zu allen möglichen Rechnern und Bibliotheken in der Computerwelt hat und dem praktisch eine, für den normalen Begriff, unfaßbare Ansammlung von Möglichkeiten zur Verfügung steht, dann kommt eine ganz andere Dimension ins Spiel.

Rein äußerlich gesehen, können beide Computer das gleiche Erscheinungsbild haben. Aber einer ist nur auf sich selbst konzentriert – auf ein eingeschränktes Programm begrenzt – der andere jedoch ist viel mehr als das eigentliche Programm – er ist mit unzähligen anderen Aspekten in Verbindung, die vor dem Internet-Zeitalter überhaupt nicht vorstellbar waren. Diese zwei Möglichkeiten sind vergleichbar mit der konditionierten, begrenzten Prägung der individuellen Vergangenheit und dem normalen, ursprünglichen Zustand von jemandem, der mit dem Leben in tieferen Einklang gekommen ist.

Ein Mystiker ist nicht auf den normalen Zustand der Persönlichkeit konzentriert, sondern lebt offen und erreichbar für die tiefere ganzheitliche Grundlage. Wie der Mystiker Kabir einmal andeutete: „Es gibt nichts in mir, was ich ‘mein’ nennen kann.“

Im Grunde genommen ist es dieselbe Einsicht, die jeder, der sich tiefer mit dem Leben befaßt, erkennen kann, die aber von jedem auf unterschiedliche Art zum Ausdruck gebracht wird.
Normalerweise versuchen wir alles auf der Basis eines bestimmten Persönlichkeitkonzepts mit bestimmter Identität festzulegen.
Ein Mensch, der sich tiefer für das Leben erreichbar gemacht hat, existiert jedoch auf einer anderen Grundlage, in einer anderen Dimension, als man sich das üblicherweise vorstellt. Deshalb ist es nicht richtig, wenn man versucht, solch einen Menschen in irgendwelche Persönlichkeitsvorstellungen einzuordnen, um sich den Eindruck zu verschaffen, als ob man wüßte, wer das ist. Es ist eine allgemeine Gewohnheit, alles mit sogenannten Fakten und Gegebenheiten zusammenzustellen und dann auf irgendwelche Art und Weise so einzuordnen, daß damit die Vorstellung von Begreifbarkeit erweckt werden kann.

In der Gegenwart ist nur ein Antworten auf das,
was kommt – ein Fließen mit dem Leben.
Da ist kein Festhalten an irgendeinem Persönlichkeitsbild.

Wenn man zum Beispiel sagt, ich habe so viele Jahre dieses oder jenes gelernt und gemacht oder eine Verbindung zu bestimmten religiösen oder mystischen Personen gehabt, so mag das alles interessant sein – es hat ein bißchen Unterhaltungswert, aber nichts damit zu tun, was man in der Gegenwart lebt. In der Gegenwart ist nur ein Antworten auf das, was kommt – ein Fließen mit dem Leben. Da ist kein Festhalten an irgendeinem Persönlichkeitsbild.

Man kann sagen, da ist jemand, der sich nicht mit Wissen über sich selbst begrenzt und einfach für das Leben offen ist und mit dem Unbekannten fließt.

Aber der Unterhaltungswert ist auch in Ordnung. Bis zu einem gewissen Punkt dient es als eine Brücke für viele, die noch nicht dazu gekommen sind, sich mit sich selbst und ihrer Realität tiefer auseinander zu setzen. So will ich etwas über die Vergangenheit erzählen. Zum Beispiel von meiner Kindheit.

Ich habe mich als Kind innerlich oft gewundert, wie sich jemand über dieses Leben beklagen und beschweren kann! Da war einfach dieses Gefühl von Staunen, welches in mir die ganze Zeit da war.

Ich habe immer ein Gefühl von Freude und Dankbarkeit dem Leben gegenüber in mir gehabt. Es ist nicht so, daß alle Situationen und alles was geschah, anders oder besonders angenehm und schön war – da waren eine Menge Herausforderungen, die jeder andere auch hat. Aber dennoch war innen das Gefühl, es ist alles ein Geschenk, ein Wunder. Ich habe mich als Kind innerlich oft gewundert, wie sich jemand über dieses Leben beklagen und beschweren kann! Da war einfach dieses Gefühl von Staunen, welches unterschwellig auf eine sehr subtile Weise in mir die ganze Zeit da war. Das ist auch während meines Studiums auf solche Weise zum Vorschein gekommen, daß ich nicht wirklich interessiert war, irgendwelche Ambitionen festzuhalten oder bestimmte Ziele zu erreichen. Ich habe mich einfach an gewissen Gefühlen orientiert und sie gelebt und das Leben walten lassen. Ich versuche nicht, mich irgendwie als Besonders hervorzuheben, wenn ich mich jetzt auf diese Art ausdrücke, sondern berichte nur über die Art, wie die Dinge waren.

Jeder ist so einzigartig und jeder hat unterschiedliche Arten, durch dieses Leben zu gehen. Wie auf einer großen Bühne – jeder hat seine Rolle und meine Verbindung zu allen beruht grundsätzlich auf Annahme und Respekt. Ich versuche nicht, jemanden zu lehren oder irgendwas zu vermitteln, als ob der andere von mir etwas lernen muß. Ich sage nur, daß ich einiges wahrgenommen habe und wer das Gefühl in sich hat, sich etwas tiefer mit dem Leben befassen zu wollen und den Durst danach empfindet, kann dabei Unterstützung finden. Es ist einfach etwas Natürliches für mich, mit anderen zu teilen und es ist nicht so, daß ich dadurch größer oder besser als die anderen bin. Ich bin dankbar zu leben, dankbar auch gegenüber den anderen, für ihr Dasein. Für viele ist es oft nicht so leicht zu verstehen, wenn ich zum Beispiel jemandem, der mir dankt auch danke. Aber so unterschiedlich sind die Wahrnehmungen.

Das Leben ermöglichte es, daß ich einen Hintergrund bekam, in der die Erinnerung in mir wach gehalten wurde, mich zu entwickeln, verspielt mit dem Leben zu sein und mich zu öffnen. So war die Kindheit mit vielen religiösen und mystischen Faktoren verknüpft. In dem religiösen Hintergrund, den ich erlebt habe, war kein Zwang, keine Pflicht von der Art, daß etwas gemacht werden muß. Er wurde auch nicht mit irgendwelchen Ängsten von anderen kultiviert. Als ich in meiner Jugend den Tod meiner Großmutter und danach auch den Tod von meinem Onkel und meinem Vater erlebt habe, hat dies sicherlich einiges noch deutlicher gemacht und hat die weitere Entwicklung in diesem Leben geprägt. Das Studium am Filminstitut war für mich auch eine sehr wichtige und interessante Zeit, weil das Filme-Machen so ähnlich ist, wie etwas vom Leben neu zu kreieren. Und deshalb war Filme-Machen und alles, was damit verknüpft war, nichts anderes als eine große Hilfe, zu lernen, den Lebensprozeß objektiver zu betrachten und sich dadurch die Prinzipien des Lebensspiels bewußter zu machen. Das hat eine sehr unterstützende Wirkung auf mich gehabt. Ich habe wahrgenommen, daß, wenn man inhaltlich einen wirklich guten Film machen will, man sich einfach der „inneren Natur“ überlassen sollte, anstatt mit seinem Willen etwas durchzusetzen.

… und deshalb war Filme-Machen und alles, was damit verknüpft war, nichts anderes als eine große Hilfe, zu lernen, den Lebensprozeß objektiver zu betrachten und sich dadurch die Prinzipien des Lebensspiels bewußter zu machen.

Das gilt ebenso auch für eine gesunde Entwicklung im Leben!

Das Wichtige ist, die „Natur“ zu erlauben! Ich habe den Begriff „Natur“ als einen interessanten Aspekt gesehen. Man kann auch Gott sagen oder die höhere Realität von allem, aber „Natur“ ist ein interessantes Wort, welches auch eine Brücke für alle sein kann. Es der Natur zu überlassen, mit der Natur fließen und sich auf diese Weise dem Leben überlassen – das ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil es bedeutet, sich nicht in einen willentlichen Umgang zu verstricken.

Es ist ein Offensein, Wahrnehmen, und so auf die Gegebenheiten und Herausforderungen des Lebens antworten. Es ist eine Art mit dem Leben zu fließen.

Nach dem Filmstudium, als ich eigentlich vorhatte, die ganze Welt zu bereisen, hat es mich dahin geführt, noch eine Weile in Indien zu bleiben. Dadurch kam ich mit Menschen in Verbindung, die sich auch tief mit der inneren Realität des Menschen befaßten. Dadurch habe ich vieles erfahren. Das war eine Zeit, in der ich mit vielen Mystikern in Indien in Berührung kam und auch intensive Kontakte gehabt habe, die für mich Teil vom Fließen mit dem Leben waren. Das kam nicht von mir, indem ich entschied, daß ich das machen will oder jenes erreichen will, sondern es geschah alles und ich habe es einfach geschehen lassen! Vieles hat mich oft selbst überrascht, wo ich mich plötzlich befand, wo ich angekommen war oder wo ich jetzt gerade bin…!

Genau wie jetzt, wenn ich von meinem Leben in Deutschland spreche – ich habe nicht vorgehabt, hier so lange zu bleiben und so viele Jahre zu verbringen. Es ist alles Teil eines Prozesses und ich befinde mich gerade hier – das ist alles was ich dazu sagen kann und ich freue mich und bin glücklich darüber.

Es ist ein menschlicher Aspekt, sich mit anderen Menschen zu verbinden, um zu lernen, sich in Beziehungen unterschiedlichster Art zu begeben und damit die Möglichkeiten der körperlichen und sinnlichen Bereiche, die Möglichkeiten der Gefühle, die Möglichkeiten der Freude, die Möglichkeiten der Liebe zu entdecken, zu erfahren und sich darin zu vertiefen. So ist es für mich in diesem Leben eine besondere Herausforderung, inmitten dieser Welt zu sein und auf der ganzheitlichen Realität basierend, in dieser Welt zu leben – in dieser Welt der Dualität, wo alles auf eine ‘relative’ Art betrachtet wird und wo jeder mit unterschiedlichen Prägungen, sehr unterschiedlicher Einzigartigkeit das Göttliche manifestiert!!!

Damit zu sein, sich damit zu verbinden und diese Verbindungen zu vertiefen – das ist ein Lernprozeß! In diesem Bereich ist es ein ständiges Lernen, denn jeder Mensch ist in diesem Sinne immer neu und als Mensch haben wir mit all den Prägungen bestimmte Erwartungen einander gegenüber, bestimmte Vorstellungen usw. Sich mit all dem zu verbinden, ohne sich darin zu verlieren und einander auch in der Entwicklung zu unterstützen – das ist eine sehr wichtige Aufgabe, eine große Herausforderung! Sich nicht nur mit der tieferen Dimension, sondern mit der ganzheitlichen Realität zu befassen, der weltlichen und der transzendentalen, der dualistischen und der nicht-dualistischen. Das ist die größere Herausforderung! Sich nur mit dem Weltlichen oder nur mit den spirituellen Rollen und Identitäten zu befassen genügt nicht.

Sich nur mit dem Weltlichen oder nur mit den spirituellen Rollen und Identitäten zu befassen genügt nicht.

Ganzheitliche Entwicklung ist für unsere Zeit sehr wichtig und von großer Bedeutung. Sie wird dem Menschen tiefe Erfüllung, Freiheit und die Erfahrung der Liebe ermöglichen.

So ist für mich dieses Leben ein Prozeß der Entwicklung und Entfaltung. Es ist eine Vertiefung in dem Prozeß der Liebe. Die Liebe ist als Potential immer vorhanden, die in der Praxis auch immer wieder neue Dimensionen öffnet und neue Tiefen sichtbar macht. Liebe ist das Faszinierende in dieser Welt – in jeder Beziehung, in jeder Partnerschaft, in jeder Verbindung. Nicht nur als ein Begleiter für den inneren Weg, sondern einfach in den ganz menschlichen Bereichen auch diese Tiefe der Liebe zu leben – als Sohn oder Bruder, als Vater, als Partner, als Freund, als Ehemann – das ist etwas sehr Wichtiges, sehr Aufregendes, sehr Schönes, aber auch etwas, was mit Schmerzen, traurigen Momenten und Leiden verknüpft ist. Wenn man in die menschlichen Verbindungen hineingeht, dann sieht man auf einer Seite was möglich ist, aber auf der anderen Seite sieht man auch die Begrenzungen. Jeder hat seine Phasen, jeder hat seine Zustände und jeder entwickelt sich.

Es ist wichtig, daß jeder in seinem Zustand, in seiner Phase akzeptiert und respektiert wird. In jeder Verbindung, in der verschiedene Phasen, verschiedene Zustände sowie verschiedene Hintergründe miteinander in Verbindung kommen, ist natürlicherweise eine gewisse Spannung da. Mißverständnisse und Konflikte sind Teil dieses Prozesses. In solchen Momenten kommen die menschlichen Züge zum Vorschein – das Verborgene kommt zur Manifestation.

Liebe ist das Faszinierende in dieser Welt –
in jeder Beziehung, in jeder Partnerschaft, in jeder Verbindung.

All dies zu leben, Mensch zu sein, als Mensch einfach dieses Leben und dessen Schönheit zu genießen, zu feiern – das ist für mich in diesem Leben ein sehr wichtiger Faktor. Es ist ein Lernprozeß – ein ständiges Lernen – weil in jeder Verbindung, jeder Mensch, dem man näherkommt, je nach seinem Offensein, je nach Zustand, verschiedene Aspekte mit sich bringt. So ist eine Bereitschaft, ständig zu lernen, eine sehr wichtige Voraussetzung, sich auch als Mensch zu entfalten und zu entwickeln.

Und so kann ich sagen, daß als Mensch in mir eine ständige Entwicklung stattfindet. Auch wenn man innerlich eine andere Dimension verspürt, darin verankert ist und erkennt, daß diese dualistische Dimension ein sehr relativer Zustand ist und von begrenzter Dauer. Dennoch ist es wichtig, diese beiden Dimensionen durch Bewußtheit in ihrer Tiefe zu leben. Von innen her freue ich mich über jeden, egal wer es ist, was er oder sie ist. Ich bin dankbar, denn alle sind Mitspieler – alle Menschen, alle Lebewesen, alle Elemente, alles, was in diesem Lebensprozeß da ist.

Das Leben ist wie ein Fluß: wir sind im Fluß des Lebens – Mit-Reisende, Mit-Tanzende, Mit-Spielende, mit-schöpfende Wesen, die das ‘Göttliche’ möglich gemacht haben…

Dieser menschliche Aspekt, wenn man ihn tief zuläßt, ist etwas sehr Wichtiges, sehr Bedeutendes. Es ist im Grunde genommen Teil der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, daß wir unsere spirituelle und menschliche Realität wahrnehmen, und dieses Wunder das gelebt werden kann, optimal leben. Auf diese Weise das Potential der Liebe, der Freude, der Verspieltheit und Freiheit verwirklichen – das ist das ganzheitliche menschliche Erblühen…

Mehr Infos unter: uma-akademie.de

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