Auswege aus dem Trauma

„Seelische Spaltungen und deren innere Heilung“
Neue Wege in der Trauma-Arbeit mit Hilfe von Aufstellungen

Was haben wir nicht schon alles gemacht, um uns aus dem Gefühlschaos zu befreien, in dem wir leben? Oder um seelische Belastungen und Krankheiten loszuwerden? Wir versuchen es durch Handlungen in der Außenwelt, indem wir z.B. in eine andere Stadt ziehen, die Arbeit wechseln, uns von Partnern trennen, Abhängigkeiten und Süchte durch Enthaltsamkeit besiegen usw..

Oder wir versuchen es mit Durchhalteparolen: „Es ist doch alles gar nicht so schlimm. Das Leben ist eben keine Freude und man muss da einfach durch.“ Oder wir denken „esoterisch“ und umgeben uns nur noch mit „guten Schwingungen“. Wir grenzen die böse Welt und die Menschen mit nicht so guten Schwingungen einfach aus unserem Leben aus, dann geht es uns gut.

Solche und ähnliche Strategien haben wir letztendlich entwickelt, um zu überleben und zu funktionieren. Doch ist das wirklich leben?

Die Seele lässt uns nicht so einfach in Ruhe. Viele Meister haben immer wieder gesagt: „Steige einfach aus und lebe im Jetzt“. Einfach gesagt, doch: Wie geht das, wenn das persönliche Leid aus einem Trauma innerhalb des Familiensystems stammt, wie kann man da einfach aussteigen? Ist es überhaupt möglich, einen Ausweg aus Krankheit, Abhängigkeit, Angst, Trauer und Verzweiflung zu finden?

Wenn ein Mensch selbst eine traumatische Erfahrung macht, so z.B. der frühe Verlust eines oder beider Elternteile, oder der plötzliche Tod eines anderen geliebten Menschen, ist er oft nicht in der Lage, die notwendige Trauerarbeit zu leisten. Der Betroffene erleidet ein Verlusttrauma.

Durch ein Erlebnis, bei dem man selbst dem Tod sehr nahe ist, wie z.B. ein Verkehrsunfall oder ein Verbrechen, entsteht ein Existenztrauma.

Neben diesen unmittelbaren gibt es aber auch noch mittelbare Traumatisierungen. Haben beispielsweise die Eltern schlimme Erfahrungen gemacht, sind diese für die Kinder emotional nicht mehr erreichbar. Es entsteht eine Bindungsstörung zwischen Eltern und Kind, wodurch das Kind mittelbar traumatisiert wird.
Alkoholabhängigkeit, Gewalt und sexueller Missbrauch, untergeschobene oder weggegebene Kinder, Abtreibungen, Kriegserlebnisse, Selbstmorde oder Morde sind oft die Ursachen solcher  Bindungstraumen bzw. Bindungssystemtraumen.
Manchmal liegt der traumatische Ursprung sogar drei oder vier Generationen zurück.

Traumatisierungen in einem Familiensystem können zu Krankheiten und Belastungen in den verschiedensten Formen führen.

Die Person, die ein Krankheitsbild hat, hat die Trauma-Erfahrung oft gar nicht selbst gemacht, sondern lediglich übernommen. Sie ist der Symptomträger in der Familie. Das Kind trägt die Identität der Eltern in sich und kommt so ohne weiteres auch nicht davon los. Hat z.B. die Mutter ein schweres Schicksal, übernimmt das Kind dieses Schicksal und das damit verbundene Trauma. Das Kind nimmt alles von der Mutter in seine Seele auf, das Gute (die Liebe), aber auch das Belastende (das Trauma).
Gleiches gilt für das Kind, wenn die Mutter durch das Schicksal der Großeltern belastet ist. Da stellt sich die Frage, wessen Wahrheit wir eigentlich leben. Ist es der eigene Schmerz oder trage ich den Schmerz meiner Eltern in mir?

Durch die Weitergabe der Trauma-Erfahrung über die Generationen wird ihr Ursprung und Inhalt immer unklarer und diffuser. Die belastenden Symptome (Ängste, Antriebslosigkeit, Depressionen, Sucht, Zwänge, körperliche Krankheiten, Persönlichkeitsstörungen und Psychosen) die wir an uns wahrnehmen, können nicht mehr eingeordnet werden und machen uns regelrecht verrückt.

Wenn es nicht mehr möglich ist, den Schmerz und das Leid aus traumatischen Erfahrungen zu ertragen, spaltet sich die Seele auf. Ein Anteil der Seele speichert die Erfahrungen und Emotionen, die im Trauma erlebt wurden und zieht sich zurück. Das ist der traumatisierte Anteil. Ein anderer Anteil sorgt nun dafür, dass die schrecklichen Gefühle nicht mehr so einfach zugänglich sind und verdrängt werden. So kann er das Trauma „überwinden“ und weiterleben, ohne verrückt zu werden. Es ist der überlebende Anteil. Dieser Anteil sorgt dafür, dass der traumatisierte Anteil vom bewussten Handeln und Denken getrennt und ferngehalten wird.

Doch der Preis dafür ist hoch, denn mit dem abgespaltenen Anteil fehlt auch ein Teil des wahren Selbst, der Gefühle und der Kraft. Das unterdrückte Potential wirkt im Verborgenen weiter und sorgt für die oben erwähnten negativen Symptome.

Ein dritter wichtiger Anteil ist der gesunde Anteil der Seele. Diesen gesunden Anteil hat es schon vor der Trauma-Erfahrung gegeben, und er besteht auch nach dem Trauma weiter.
Wir haben diesen Anteil alle in uns, stehen aber aufgrund der belastenden Erfahrungen nicht oder nicht ausreichend damit in Kontakt.

Je vielschichtiger die Traumatisierungen in einem Familiensystem sind, desto stärker und vielschichtiger ist der oben beschriebene Aufspaltungsprozess.  Dieser Wirkungsmechanismus gilt sowohl bei unmittelbaren als auch mittelbaren Trauma-Erfahrungen.

Die Arbeit mit Aufstellungen bietet einen sehr guten Weg, um aus diesem Mechanismus herauszukommen und wieder mehr zu sich selbst zu finden. Wir alle, so denke ich, möchten aus dem Drama aussteigen. Dazu braucht es aber den Mut, sich bewusst zu machen, in welchen Verstrickungen, Illusionen und Verdrängungen wir leben. Und es erfordert Achtung vor dem Schicksal und Dankbarkeit gegenüber unserem überlebenden Anteil, denn dieser Anteil hat es uns ermöglicht, im Leben zu bestehen.

Speziell die mehrgenerationale systemische Psychotraumatologie (MSP) nach Prof. Dr. Franz Ruppert öffnet einen Weg, die verschiedenen Anteile sichtbar zu machen und wieder mit Ihnen in Kontakt zu treten. Das Ziel der Aufstellung ist es, die verschiedenen Anteile wieder zu vereinen und zu integrieren.

Es ist keine schnelle Therapie, mehrere Schritte sind erforderlich. Die Erfahrung mit dieser Arbeit zeigt jedoch, dass es einen Ausweg aus dem Trauma gibt, auch wenn die Seele nicht mehr weiter weiß und alles hoffnungslos erscheint.
Das sollte uns Mut machen, neue Wege zu gehen und die Aufstellungsarbeit in einem neuen Licht zu sehen.

Literaturhinweis: Prof. Dr. Franz Ruppert: „Drei Seelen in meiner Brust“ Trauma -Spaltung und innere Heilung, 2007

Autor: Alexander Brombach
Praxis für systemische Beratung und Psychotherapie
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Internet: www.praxis-brombach.de

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